LanisLeckerEcke über Lebensmittel von der Tafel

Liebe Gemüseregal-Leser, als Franzi mich fragte, ob ich einen Beitrag über meine wöchentlichen Besuche bei der Speisekammer schreiben möchte, war ich sofort Feuer und Flamme. Schließlich ist sie der Grund dafür, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und diese Hilfe seitdem annehme!

Aber von vorne – erinnert Ihr Euch an das 20 € – eine Woche Experiment Anfang des Jahres? Genau darin habe ich mich sehr wieder erkannt. Egal wie ich wirtschafte, am Ende des Monats steht ein dickes Minus auf dem Konto.

Und plötzlich kam das Thema Tafel auf. Natürlich hatte ich schon öfter mit dem Gedanken gespielt (eine Verwandte in Bayern geht regelmäßig hin), aber bisher hatten Schamgefühl und Angst doch überwogen.

Als Franzi nun aber den Aspekt „Lebensmittelrettung“ anbrachte, gab mir das den entscheidenden Tritt in die richtige Richtung.

Ich fragte eine gute Freundin ob sie mitkommen möchte und zusammen stellten wir uns dem Abenteuer Tafel.

Hier nun ein Resumee von fast einem Jahr Lebensmittelunterstützung:

Im Landkreis Aschersleben (Salzlandkreis) gibt es keine Tafeln. Als die Idee aufkam eine solche Unterstützung aufzubauen, gab es eine Ablehnung vom Tafel-Verein mit der Begründung das bereits in Quedlinburg und Staßfurt Tafeln etabliert sind und ein gewisser Kilometerradius eingehalten wird. Aschersleben bräuchte keine eigenen. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die Volkssolidarität nahm sich dieses Vorhabens an und etablierte die Speisekammer, die es mittlerweile seit fast 7 Jahren gibt. 11 Geschäfte aus Aschersleben und Umgebung spenden regelmäßig Lebensmittel, es ist täglich von 12:45 – 13:30 Uhr geöffnet und das Angebot wird gut angenommen.

Jeder Bedürftige darf einmal pro Woche hingehen und Lebensmittel mitnehmen. Das ist ganz einfach – man weist sich mit seinem Ausweis aus, gibt leere Tüten hin, zahlt seinen Unkostenbeitrag (1,50 € pro Erwachsenen, 1,00 € pro Kind) und bekommt mehr oder weniger volle Tüten zurück – je nachdem was und wie viel gespendet wurde.

Hier seht Ihr eine Auswahl:

Tafel LanisLeckerEcke Tafel LanisLeckerEcke

Immer enthalten sind Brot und Brötchen, Gemüse, Obst, Aufstriche/Wurst/Käse, Milchprodukte wie Joghurt/Quark/Sahne und Süßigkeiten. Ansonsten durchaus wechselnde Sachen – ich hatte schon Tiefkühlprodukte, Marmelade, Nudeln, Mehl, Zucker, Haferflocken, Backkakao…

Die Gründe warum Sachen gespendet werden sind vielfältig. Der Hauptgrund ist natürlich das (fast) überschrittene Mindesthaltbarkeitsdatum. Die meisten Menschen lehnen „überlagerte“ Lebensmittel ab, obwohl sie noch absolut in Ordnung sind. Das MHD bezeichnet letztlich nur das Datum bis zu dem der Hersteller garantiert, dass Geschmack, Konsistenz, Farbe etc. so sind wie versprochen. Und damit sie auch definitiv nicht daneben liegen, wird dieses Datum natürlich „vordatiert“. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten.

Aus diesem Grund verlasse ich mich bei Lebensmitteln auf meine Sinne.

Wie riecht das Produkt?
Wie sieht es aus?
Und schmeckt es komisch?

Wenn Ihr wüsstest was ich bereits so verarbeitet habe..

Ein weiterer Grund warum Sachen bei der Speisekammer landen, ist eine kaputte Verpackung. Verbeulte Dosen, aufgerissene Packungen, Löcher in der Mehltüte und ähnliches. Bei diesen Produkten ist das MHD meist noch nicht mal ansatzweise erreicht, dennoch würde es im Laden niemand mehr kaufen.

Der letzte Grund der mir jetzt für gespendete Produkte einfällt ist die Saisonware. Wer will im Mai schon noch Osterhasen kaufen? Oder im Januar Weihnachtsmänner? Selbst reduziert werden die kaum noch angeschaut, geschweige denn gekauft. Tja und sowas habe ich dann in meinen Tüten :)

Natürlich stellen mich manche Produkte dann auch vor eine Gewissensfrage. Zum Beispiel die Brötchen! Vielleicht habt Ihr schon vom großen Bäckereisterben gehört? Das Handwerk der Bäcker stirbt immer mehr aus, weil Discounter ihre Backstationen haben. Diese Brötchen sind günstig und verfügbar – werden also gekauft und die richtigen Bäcker haben das Nachsehen. Ich versuche soviel wie möglich selbst zu backen, weil wir keinen traditionellen Bäcker vor Ort haben. Ich weigere mich (oft) Brot und Brötchen im Discounter zu kaufen und dann habe ich die übrig gebliebenen Brötchen aber in der Tüte.

Was tun? Zum wegwerfen sind sie definitiv zu schade. Ich könnte auch sagen, dass ich keine Brötchen/Brot haben möchte, allerdings müsste ich dann auch sämtliche Brotbeläge ablehnen. Da ich so gut wie jeden Abend warm koche, wird nämlich kaum was davon verbraucht.

Deshalb habe ich den Brötchentag erfolgreich etabliert. Einen Tag in der Woche – meist der Speisekammertag – gibt es abends Brötchen mit Aufschnitt, dazu Salat und eventuell Würstchen oder ähnliches. Je nachdem was noch in der Tüte war. Und es bleibt ja noch die Frage was mit den Brötchen wäre, wenn ich sie nicht nehmen würde – ewig halten die nun auch nicht…

Ähnlich geht es mir bei Obst und Gemüse. Wenn ich einkaufe versuche ich darauf zu achten, dass die Produkte mindestens „marktfrisch aus Deutschland“ sind. Also nicht z. B. in Spanien oder Israel produziert wurden. Ich möchte ungern aktiv Produzenten unterstützen, die in Wüstengebieten mit Hilfe unterbezahlter Arbeiter wertvolles Wasser verschwendend Obst und Gemüse und dieses dann über eine extreme Distanz und unter bedenklichem CO2-Verbrauch nach Deutschland bringen.

Bei den Produkten in der Tüte ist es natürlich nicht nachvollziehbar woher die Sachen kommen.. Deshalb finde ich es besonders gut, dass die Volkssolidarität mit der Öseg (ökologische Sanierungs- und Entwicklungsgesellschaft) zusammen arbeitet. Im Sommer/Herbst bewirtschaftet die Öseg – nach Absprache mit den Verpächtern – mit Ein-Euro-Jobbern brach liegende Kleingärten im Umkreis. Dadurch kommt gerade in den Sommermonaten eine Menge frisches in die Tüten, z. B. Tomaten, Zwiebeln, Radieschen etc. Noch jetzt habe ich regelmäßig Kartoffeln dabei!

Leider sind saisonale „Ausrutscher“ durchaus möglich. So hatte ich im März mal Erdbeeren und im Dezember Wassermelone. Da drücke ich aber definitiv ein Auge zu – sonst sind die Sachen wirklich saisonal. Momentan bekomme ich jede Woche Kohl – Wirsingkohl, Rotkohl, Weißkohl, Rosenkohl, Blumenkohl – es ist wirklich eine Herausforderung damit abwechslungsreich zu kochen! Vor allem bei meiner „schon wieder … – Mäkel-Familie“ ^^.

Letzte Woche habe ich die Gelegenheit genutzt und mit der Chefin der Speisekammer kurz gesprochen und ihr gesagt wie toll ich es finde, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich bewundere es mit wie viel Herzblut die Mitarbeiterinnen dabei sind. Ich fühle mich dort sehr wohl, die teils ehrenamtlich arbeitenden Damen vor Ort sind freundlich und herzensgut. Wenn ich meinen Mini dabei habe, bekommt er meist eine Kleinigkeit, sei es nun ein Trinkpäckchen oder eine Milchschnitte. Es ist einfach süß.

Auch zu jedem Fest ist eine Kleinigkeit für die Kids dabei. Hier zum Beispiel die Nikolausüberraschung für die Kids:

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Man muss sich immer vor Augen führen, dass eine solche Einrichtung viel mehr ist als „Einkaufen“ – für viele ist es eine der wenigen Möglichkeiten für soziale Kontakte. Viele der Speisekammerkunden haben einen festen Tag in der Woche an dem sie kommen
(wir gehen z. B. vorzugsweise dienstags, weil montags die Leute teilweise ab 8 Uhr stehen und warten und die restlichen Wochentage bei uns meist voll mit Termine sind). Und man sieht oftmals die gleichen Menschen!

Natürlich kommt man durchaus mit ihnen ins Gespräch, wenn man reden will, dann findet man jemanden der zuhört. Mir ist aber in letzter Zeit in einschlägigen Facebook-Gruppen vermehrt aufgefallen, dass es zur Tafel mehrere Standpunkte gibt. Die Menschen die die Tafeln gut heißen, aber selbst nicht hingehen. Diejenigen die (mehr oder weniger regelmäßig) hingehen und sich über die Unterstützung freuen, die die sich (noch) nicht trauen und diejenigen die voller Hass, Neid und Missgunst sind.

Es ist erschreckend Dinge zu lesen wie „Warum gehe ich eigentlich arbeiten, wenn Ihr alles hinterher geworfen bekommt von der Tafel?“ oder „Bist du wirklich so bedürftig das du es nötig hast dort hinzugehen?“. Ich denke die wenigsten der Menschen die diese Hilfe in Anspruch nehmen, haben es sich ausgesucht so wenig Geld zur Verfügung zu haben.

Und mit diesen Worten möchte ich dieses doch recht ernste Thema abschließen.

Ich hoffe ich konnte Euch ein wenig Einblick verschaffen, für Fragen stehe ich Euch natürlich zur Verfügung.

Übrigens zeige ich auf Instagram jede Woche meine „Wochenausbeute“ und versuche regelmäßig auf meinem Blog LanisLeckerEcke zu berichten was ich aus den Sachen gemacht habe.

Grüße,
Henriette

Meine liebe Henriette, ich möchte mich auf diesem Wege wirklich von ganzem Herzen für diesen wundervollen Beitrag bedanken. Ich finde es wahnsinnig toll, wie du dich mit dem Thema beschäftigst und dass mein Beitrag zum Thema „20 Euro – eine Woche“ dich damals dazu bewogen hat, dir die Tafel einmal anzusehen. :-) Ich schaue mir deine Bilder zu dem Thema so gern an, es ist einfach ein spannendes Thema!  – Hab 1000 Dank, Franzi 

4 Gedanken zu „LanisLeckerEcke über Lebensmittel von der Tafel

  1. Feuerpferdle

    Ich finde es ganz klasse, mal etwas über die Tafel aus Henriettes Seite zu hören. Ich hab den ganzen Beitrag gespannt durchgelesen.
    Bei uns am Ort gibt es auch meine Tafel, meine Mutter half da ehrenamtlich mit, als sie es gesundheitlich noch konnte.
    Und Henriette, Deinen Blog schau ich mir gleich mal an. Alles Liebe.

    Antworten
    1. Henriette Egler

      Vor den Damen die ehrenamtlich bei der Tafel und ähnlichen Organisationen arbeiten, ziehe ich meinen Hut! Ich bin immer wieder erstaunt mit wie viel Herzensgüte sie helfen *-* Schön das Deine Mum das auch einmal gemacht hat – sie muss eine tolle Frau sein!

      Ganz liebe Grüße
      Jette

      PS: Immer hereinspaziert auf meinen Blog – der kann Leser gebrauchen :P

      Antworten
  2. Nadja

    Liebe Henriette,
    vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Ich habe mich mit dem Thema noch gar nicht näher befasst (hatte aber das 20 Euro Experiment von Franzi gelesen). Ich bin ganz froh, dass doch einiges an frischen Sachen dabei zu sein scheint und unser Lebensmittel-Überfluss zumindest an der ein oder anderen Stelle auch noch bei denen ankommt, die es wirklich brauchen.
    Alles Gute für Dich,
    Nadja

    Antworten
    1. Henriette Egler

      Vielen Dank für Deine Worte liebe Nadja,

      ich bin übrigens auch sehr froh, dass einiges an frischen Sachen dabei ist. Ich koche ja schließlich sehr sehr gern und entwickel immer mehr eine Abneigung gegen Fertig-Kram.

      Ganz liebe Grüße
      Jette

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